Statement
Von Leo Hiemer
Zur
Vorlage
Das
Buch von Volker Jehle hat mich sofort gefesselt. Der Autor beschreibt
minitös die Annäherung zwischen dem jungen Zivi und dem geistig
behinderten Mädchen und auch die Irritationen, die Probleme, die da
bald auftauchen. Das waren ausgezeichnete Voraussetzungen für einen
herausragenden Film. Volker Jehle hatte bereits eine Drehbuchfassung
erstellt, die zum 1. Baden-Württembergischen Drehbuchpreis nominiert
wurde. Ich habe mich gleich mit Volker Jehle zusammengesetzt und das
Drehbuch zur Drehreife weiter entwickelt. Die Geschichte, die Volker
da aufgeschrieben hatte, beruhte auf eigenen Erlebnissen als
Zivildienstleistenden Anfang der siebziger Jahre, der Film aber sollte
in der Jetztzeit in einer Behindertenwerkstätte realisiert werden;
das brachte eine Menge Herausforderungen mit sich. Nicht nur die Verhältnisse,
auch die Zeiten und damit die jungen Leute hatten sich in der
Zwischenzeit verändert. Sogar während der Dreharbeiten haben wir
noch kurzfristig ganze Szenen umgeschrieben, um den Film so glaubwürdig
und intensiv wie möglich zu machen.
Zur
Geschichte
Auf
den ersten Blick erzählt der Film eine Geschichte im
Behindertenmilieu. Vielleicht denkt man, der Film ist nur etwas für
Behinderte oder Leute, die mit Behinderten umgehen, sei es als
Betreuer, Angehörige oder Freunde. Aber der Film erzählt ja eine
Liebesgeschichte, die Geschichte von Eckart und Ulrike. Zwei Menschen
sind ja immer, mehr oder weniger, verschieden. Eckart und Ulrike sind
einmal getrennt durch ihre soziale Rolle: hier der Betreuer, hier die
Betreute, hier der Pädagoge, hier das Objekt seiner Bemühungen. Dazu
kommt, dass Ulrike als geistig behindert gilt. Das Interessante an der
Geschichte war für mich von Anfang an aber nicht die Frage: Was fehlt
der Ulrike eigentlich? Was hat sie? Worin besteht ihre Behinderung?
Also die Fragen nach Diagnose, Therapie und Prognose. Je länger ich
mich mit der Geschichte beschäftigte, desto mehr hatte ich das Gefühl,
die Nicht-Behinderten benutzten Diagnosen lediglich als Abgrenzung,
als Beweis ihrer eigenen Normalität. Dabei sind gerade geistige
Behinderungen oft ein unentwirrbares Konglomerat aus angeborenen und
erworbenen, psychischen und sozialen Defekten. Irgendwann schleuderte
ich einer Redakteurin, die partout wissen wollte, wie Ulrikes
Krankheit heißt, entgegen: Ulrikes Krankheit heißt Ulrike! Und da
liegt für mich tatsächlich ein Schlüssel zu der Geschichte. Es geht
ja nicht um die Liebe zwischen einem Normalen und einer Gestörten.
Auch Eckart spürt Behinderungen in seinem Seelenleben, in seinen
Emotionen, in dem, was er ausleben kann. Seine Behinderung heißt
Eckart! Es geht in der Geschichte letztlich um eine Parabel auf
Beziehungen überhaupt. Auf die Frage, wie können, dürfen, wollen
wir uns auf unser Liebesobjekt überhaupt einlassen? Wie viel Nähe
sind wir in der Lage zuzulassen? Wo liegt ein normales, gesundes Maß?
Dass Ulrike, egal was sie behindert, das Menschenrecht auf Liebe hat,
steht für mich außer Zweifel. Ich weiß, dass Liebe im Alltag –
auch von Behinderteneinrichtungen - immer Probleme macht. Aber sie lässt
sich – zum Glück! – auch nicht verbieten. Wir können nur mit ihr
leben – oder ohne sie. Mein Freund Klaus Kugel, der mit für die
Filmmusik verantwortlich ist, hat es einmal auf den Punkt gebracht:
Auf einer einsamen Insel wären die beiden ein Paar geworden. Ich
hoffe, der Film erlaubt die Reflektion auf eigene Beziehungsmuster und
allgemein den liebevollen Umgang mit dem/der Anderen.
Zur
Produktion
Nach
einer Förderung der Produktionsvorbereitung durch die Medien- und
Filmgesellschaft Baden-Württemberg konnten wir mit der Realisierung
beginnen. Der Film wurde durchkalkuliert, die Hauptdarsteller gesucht,
eine Behindertenwerkstätte gesucht, in der gedreht werden könnte.
Leider haperte es dann schwer mit der Förderung der Produktion. Drei
Mal wurden wir in Baden-Württemberg abgelehnt, obwohl mit einer
Produktionsförderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für
Angelegenheiten der Kultur und der Medien die größte bundesweite,
rein kulturelle Filmförderung das Projekt unterstützt hatte. Auch
bei den Fernsehsendern sind wir abgeblitzt. Keinen Erfolg hatten wir
auch bei den Filmförderungen in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Wir
waren drauf und dran, das Projekt zu begraben. Doch dann ergab sich
doch noch eine Möglichkeit, als mein Freund Gerhard Baier, als Geschäftsführer
bei der Firma mediarent in München ausschied. Gerne wollte er
mithelfen, den Film auf die Beine zu stellen. Als ausgemachter Experte
für HD, das heißt hochauflösende Videosysteme, mit denen sich auch
Kinokopien problemlos herstellen lassen, und wegen der besonderen
Anforderungen an das Drehverhältnis, die Dreharbeiten mit behinderten
Menschen mit sich bringen, riet er uns zum Drehen auf HD.
Schauspieler, Teammitglieder sowie einige Dienstleister trugen dann
mit weitreichenden Rückstellungen dazu bei, dass der Film finanziert
werden konnte. Der Film hatte ein Budget von ca. € 750.000.-
Statement
Von Volker Jehle
Man
muss sich als Autor, dessen "Roman" verfilmt und dessen
Drehbuch keine Heilige Schrift, sondern Arbeitsgrundlage ist,
irgendwann im Lauf dieser (im Fall "Ulrike" und für mich siebenjährigen) Prozesse klarmachen, wie ich's beim Drehen schließlich
getan und gesagt habe: das gedruckte Buch war meine Sache, der Film
wird Leos Sache. Diese Haltung mag für einen Autor außergewöhnlich
sein, von mir aus, ich steh oft allein da. Aber ein Autor, der es
nicht schafft, sich zu dieser Haltung durchzuringen, macht sich und,
vor allem, alle anderen verrückt, was ihm und allen anderen schadet,
am meisten aber der Fertigstellung des Films.
Nun freu ich mich, dass es den Film gibt, und ich freu mich am Film
selbst. Das fundamentale Anliegen meines Buches ist ausgezeichnet übersetzt.
Natürlich hat ein Autor ständig Einwände. Aber es gibt nichts, bei
dem ich sagen würde: das versaut's mir, und es gibt nirgends einen
Grund mich aufzustraußen (was eh nicht mein Ding ist) wie z. B.
Kroetz gegen Faßbinder in Sachen "Wildwechsel" damals.
Ich bin dankbar allen, die mitgeholfen haben, dass der Film hat
entstehen können, vor allem Leo, und ich bin froh, dass der Film
endlich auf die Menschheit losgelassen wird, auf eine möglichst große,
sie hat ihn dringend nötig.
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